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Produktive Ambivalenzen

Immer wieder mittwochs muss ich meinen Arbeitsplatz im Büro in der Berliner Sophienstraße räumen. Dann will meine Kollegin und alte Freundin Petra Biesenkamp, die schon bei Klaus Wagenbach das Geld verwaltete, als ich dort 1982 als Volontär landete, und das inzwischen segensreicherweise auch für mich tut, an meinen Schreibtisch, um online die nötigen Überweisungen zu tätigen. Das dauert etwas, also gehe ich nach Hause und lese.

Auf diese Weise habe ich Elisa Diallos Buch „Fille de France“ an einem einzigen Nachmittag verschlungen. Kürzlich ist Isabel Kupskis deutsche Übersetzung bei uns erschienen: „Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland“ (mehr dazu hier).

Elisa Diallo ist Französin. Seit etwas mehr als einem Jahr besitzt sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Nichts Besonderes, könnte man meinen, denn Elisa Diallo ist mit einem Deutschen verheiratet und zusammen haben sie drei Kinder. Aber ganz so einfach ist das nicht, und warum das nicht so einfach ist, darüber hat sie ein phänomenales Buch geschrieben.

Wenn sich eine Französin entschließt, die deutsche Staatsbürgerin anzunehmen, so ist das auch im Vereinten Europa immer noch ein ziemlich radikaler Akt, der geeignet ist, zumal französische Stirnen in Falten zu legen und für durchaus kritische Nachfragen zu sorgen. Mehr als wenn sie zum Beispiel Holländerin oder Britin geworden wäre. Mit einer französischen Mutter und einem Vater, der aus dem westafrikanischen Guinea stammt, war Elisa Diallo zwar vom Pass her eine mit allen Rechten ausgerüstete französische Staatsbürgerin. Aber eben nicht ganz. Nicht nur der ganze, auch der halbe Migrationshintergrund sorgt in Frankreich dafür, dass man eben bei vielen Landsleuten nur als halbe Französin akzeptiert wird. Über den Rest kommen die üblichen Sachen: „Nein, ich meine, woher kommst du WIRKLICH?“, „Du siehst Naomi Campbell ähnlich“, „Deine Mutter ist aus der Normandie? Echt?“ usw. usf.

Irgendwann hat es ihr gereicht. Sie hat die deutschen Staatsbürgerschaft an ihrem Wohnort Mannheim beantragt, sich den berüchtigten Ämterprozeduren unterzogen und am Ende einen deutschen Pass bekommen. Dass Deutschland eine bürokratische Hölle oder ein behördlicher Witz sein kann, je nachdem, wie die burlesken Erfahrungen am Ende ausgehen, das hat sie dabei ebenso erfahren wie unerwartet positive Erlebnisse in diesem seit der sogenannten Flüchtlingskrise veränderten Land.

Ihr Bericht darüber handelt von ihrer geliebten Heimat Frankreich, aber auch von Deutschland, das sie erstmals als französische Austauschschülern erlebte, mit allen katastrophal lächerlich rassistischen Übergriffen, welche die teutonische Provinz zur Zeit von Helmut Kohl einer jungen Französin mit afrikanischem Migrationshintergrund zu bieten hatte. Warum nur wollte sie, mehr als zwanzig Jahre danach Jahre danach, ausgerechnet Bürgerin dieses schwierigen Landes werden, wo in letzter Zeit die Schatten der Vergangenheit in Form einer neuen rechtsradikalen, fremdenfeindlichen Partei bedrohliche Formen angenommen haben, dem sie aber all dem zum Trotz eine beispielhafte, positive Zukunft zutraut? Das nachzulesen, lohnt sich wirklich.

Für die an Untiefen und Ambivalenzen reiche Debatte über ethnische Zuschreibungen und Identitäten, die in diesen Zeiten immer wieder aufflackern wird, ist dies ein wichtiger und vor allem, bei aller Leidenschaft, mit der das Thema verhandelt wird, nüchterner Beitrag. Und ganz nebenbei vermittelt er in der Art, wie Elisa Diallo zwischen mehreren scheinbar gegensätzlichen geografischen, ethnischen, kulturellen und persönlichen Welten balanciert, dass Ambivalenzen überaus produktiv sein können.

Ihr
Heinrich von Berenberg