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Lamentatio und Apotheose

Seit 2004 bei Gründung dieses Verlags ein fulminantes – und überaus erfolgreiches – Buch von der Uruguayerin Cristina Peri Rossi unter dem Titel „Die Zigarette“ erschien, haben in diesem Verlag Bücher das Licht der Welt erblickt, die aus dem Spanischen übersetzt werden. Zuletzt habe ich über Vicente Valero aus Ibiza geschrieben. Heute möchte ich in aller Kürze das gleiche über CARLA MALIANDI tun.

Seit jenen grandiosen Zeiten, als Gabriel Garcia Márquez, Julio Cortázar, Juan Rulfo, Juan Carlos Onetti, Carlos Fuentes, Miguel Angel Asturias und viele andere eine in die vielen Hunderttausende gehende deutschsprachige Leserschaft verlassen konnten, ist das Interesse an Lateinamerika zurückgegangen. Meine bewunderte Kollegin Michi Strausfeld hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass das meiste, was in den sechziger und siebziger Jahren unter dem Signum des sogenannten „Booms“ aus Lateinamerika kam, die Taschen des Suhrkamp Verlags füllte. Aber auch die Gesamtausgabe der Werke von Jorge Luis Borges im Hanser Verlag gehört noch zu diesen Beiträgen aus einer fernen und wunderbaren Zeit, die leider zuende ist. Der Kontinent scheint zu viele schlechte Nachrichten zu produzieren, als dass sich die lesenden Massen noch mit ihm beschäftigen wollen, obwohl Literatur dort nach wie vor in beruhigenden Mengen und exzellenter Qualität geschrieben wird.

Sie merken schon, dass ich hier ein bißchen herumjammern möchte. Aber ich reiße mich zusammen. Jammern habe ich mir für diese Mitteilungen verboten, und auch deshalb werde ich hier nicht über so etwas todlangweiliges wie Auflagenzahlen schreiben. Anlass für diese kurze Lamentatio ist ein federleichter Roman, den die Argentinierin Carla Maliandi geschrieben hat und der bei uns unter dem Titel „Das deutsche Zimmer“ soeben erscheinen ist (und es übrigens als eines der zehn „besten Bücher aus unabhängigen Verlagen“ auf die Hotlist 2019 geschafft hat!). Es ist das vorerst letzte in einer stolzen Reihe von Büchern aus Lateinamerika, die nicht nur Lateinamerikaner aus Kolumbien (Héctor Abad), Mexiko (Juan Pablo Villalobos) und Chile (Roberto Bolaño), sondern auch ein ganzes Schock von Argentiniern versammelt: von Damián Tabarovsky über María Sonia Cristoff, Félix Bruzzone und der formidablen Selva Almada bis hin zu jener Carla Maliandi. Ihr Roman spielt nicht in Lateinamerika, sondern in Heidelberg und die Autorin kratzt darin nicht nur an der romantischen Oberfläche, sondern sie steigt tief hinunter in den Orkus, in dem die wahre Literatur überhaupt erst anfängt. Merke: „Wenn Sie Literatur ohne Nachtseite lesen, so handelt es sich um leichte Kost.“ (Giorgio Manganelli)

Es ist eine durchaus argentinische Geschichte, die das schöne Heidelberg unterminiert, denn es geht auch um Menschen, die vor vierzig Jahren auf der Flucht vor den Mördern in ihrer Heimat hier gelandet waren: kluge hoch gebildete Menschen und Intellektuelle wie die Eltern unserer Autorin. Von alledem ahnt und erfährt man etwas, wenn man sich über die dünne schöne Oberfläche von Carla Maliandis Buch bewegt. Sie könne es ruhig wagen. Es ist ein federleichtes Kunstwerk, wie es nur jemand mit großer dramaturgischer Begabung wie die Schriftstellerin – und Regisseurin – Carla Maliandi zustande bringt. Überall Studenten, Japaner, Türken – und eine deutsche Vermieterin.

Auch der Tod spielt – natürlich – eine Rolle, und das bringt mich auf JOACHIM KALKA. Nicht, dass ihm etwas fehlt, er ist zum Glück gesund. Soeben ist in der ebenfalls ganz schön langen Reihe seiner Bücher bei uns eines erschienen, das sich unter dem Titel „Staub“ auch jener Materie und ihrem literarisch-philosophischen Echoraum widmet, in die alle Menschen sich einst wieder zurückverwandeln.

Joachim Kalka ist das in Deutschland nicht mehr häufig anzutreffende Beispiel für einen universell gebildeten Literaturkenner, der sein Wissen bereitwillig und generös zu verbreiten versteht. All seine Bücher, zuletzt „Der Mond“, davor die Notizen über das Moderne im neunzehnten Jahrhundert unter dem schönen Titel „Gaslicht“ und auch die „Ehrfurchtsnotizen“ genannten Stücke „Die Katze, der Regen, das Totenreich“, tragen nicht das Signum eines belehrenden Bescheidwissers, sondern sind darauf abgerichtet, die mögliche, wenn auch – Lamentatio! – nachlassende Neugier am Wissen um die Vergangenheit zu fördern und mit menschenfreundlicher Erklärungsfreude zugänglicher zu machen.

Darüber ist man inzwischen auch im nicht deutschsprachigen Ausland darüber so entzückt, dass Kalkas Bücher ins Englische und Spanische übersetzt werden. Apropos übersetzen: Als ich den Verlag gründete, suchte ich einen Übersetzer für John Maynard Keynes’ „Freund und Feind“ – das dem Verlag zusammen mit Keynes Versailles-Buch übrigens viel Glück und Geld gebracht hat –, einen Übersetzer. Ein Kollege schlug Joachim Kalka vor, von dem ich nur wusste, dass er schon unendlich viele Bücher übersetzt hatte und deshalb garantiert zu teuer und prominent sein musste. Prominent ist er. Zu teuer kann ein derart begnadeter Übersetzer gar nicht sein. Es sind in diesem Verlag zahlreiche Bücher erschienen, die, manchmal wie im Falle von Giraudoux‘ „Doppelmemoiren“ (Achtung: Wer kennt noch Jean Giraudoux?) auf seinen Hinweis hin hierher kamen und von ihm übersetzt wurden.

Ich habe einst, als Joachim Kalka wieder einmal bei Wein und Essen aus den manchmal endlos tiefen Taschen seines Wissens schöpfte und ebenso merkwürdige wie – immer! – interessante Dinge zutage förderte, ausgerufen, er sei gebildeter, als die Polizei erlaubt. Die bescheidene Antwort war: „Es ist alles, was ich habe.“ Letzteres ist zum Glück nicht ganz korrekt, aber dennoch kann man sagen, dass Joachim Kalka sein Leben immer – und ich wage es zu sagen ausschließlich – mit seinem Wissen bestritten hat. Das muss gefördert werden, auch wenn er selbst einst wieder zu dem wird, über das er grad geschrieben hat.

Ihr
Heinrich von Berenberg
Maike Albath auf der Sachbuch-Bestenliste

Maike Albaths wunderbares drittes Italien-Buch bei uns, »Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens« wurde von der Jury der Sachbuch-Bestenliste von DLF Kultur, ZDF und Zeit im Mai gewählt. Gratulation an die Autorin!