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Verlegerpost: Heinrich von Berenberg über »Neros Mütter« von Birgit Schönau (und über Francesco Totti!)

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Frauen aus Rom und die Liebe zur Antike

Der Fußballspieler Francesco Totti spielte Ende des zwanzigsten und zu Beginn des einundzwanzigsten nachchristlichen Jahrhunderts für den römischen Fußballclub Associazione Sportiva (abgekürzt: AS). Er war einer jener von Fußball-Teutonen häufig als schlappfüßig und phlegmatisch geschmähten Fußballdirigenten von der Appeninhalbinsel, deren große Phalanx – für mich – mit dem Mailänder Gianni Rivera begann und mit dem mürrischen Zeitlupengenie Andrea Pirlo hoffentlich noch lange kein Ende gefunden hat. Unter der Regie dieser schläfrigen Fürsten wurden den erbosten teutonischen Fußballern regelmäßig ebenso scheinbar unerklärliche wie zum Teil legendär gewordene Niederlagen beigebracht. Auch Totti führte bei diesen Auseinandersetzungen immer wieder Regie. Wichtiger aber als Italien war für ihn seine Heimatstadt Rom, wo ihm das Fußballvolk bis zuletzt zu Füßen lag wie einem mitreißenden Volkstribun.

Dabei war er für viele Römerfeinde eine Witzfigur, aber auch das verstand er virtuos für die eigene Reputation zu nutzen. Selbstironie gehört nördlich der Alpen gewöhnlich nicht zur Grundausstattung von Fußballprofis. Üben sich doch einmal Ausnahmen wie der Holländer Ente Lippens darin, und auch noch gegenüber einem Schiedsrichter, fliegen sie für gewöhnlich vom Platz. Über Francesco Totti kursierten im eigenen Land zahllose Witze, die so gehen: „Totti erscheint mit zwei verschiedenen Schuhen an den Füßen beim Training. Der Trainer schickt ihn nach Hause, er solle mit den richtigen Schuhen wiederkommen. ‚Aber Trainer’, sagt Totti, ‚zu Hause habe ich doch auch zwei verschiedene!‘“ Totti hat sich darüber nicht geärgert, sondern mehrere Bücher damit gefüllt, sie unter seinem Namen herausgegeben und die fürstlichen Honorare aus den Verkäufen an Unicef überwiesen. Ich habe damit einen Sommer lang mein brüchiges Italienisch wieder aufzufrischen versucht. So war es wenigstens ein großer Spaß. Lothar Matthäus: bitte melden!

Zur Meisterfeier seines Vereins fuhr Totti einst wie ehedem ein siegreich aus der Schlacht heimkehrender Konsul, in einem von vier Rappen gezogenen römischen Streitwagen in den Circus Maximus ein. Er trug keine Toga, sondern das Trikot seines Heimatvereins. Das Foto davon schmückte einen Artikel der Journalistin Birgit Schönau über Tottis vielbeweinten Abschied vom Profifußball vom 25. Mai 2017. Er ist eines ihrer vielen Meisterwerke, das es an diesem Tag nicht nur auf die Sportseiten, sondern sogar, in meiner Erinnerung, auf die Seite Drei der Süddeutschen Zeitung schaffte.

Birgit Schönaus in den Sportseiten der SZ über Jahre ein wenig zu unrecht, wie ich fand, versteckte Berichte, Porträts und Glossen las ich lange als eine Ergänzung meines Interesses am europäischen Fußball. Bald aber stellte ich fest, dass die Lektüre dieser Artikel gewissermaßen osmotisch ein Bild von Italien entstehen ließen, das man nirgendwo sonst im deutschen Sprachraum vermittelt bekam, eine Art von kulturpolitischer Korrespondenz, voller Tiefenschärfe und mit Schlaglichtern auf Bereiche, die mit Fußball gar nichts zu tun zu haben schienen. Markenzeichen dieser Artikel sind ihr gutgelaunter Ton sowie die unübersehbare Tatsache, dass hier eine Frau schreibt, die nicht nur in der politischen Kultur des zeitgenössischen Italiens versiert ist, sondern der nebenbei auch noch Dinge zuzufliegen scheinen, die nur jemand aufschnappen kann, der oder die hier zu Hause ist.

Dass Birgit Schönau zur gleichen Zeit für die immer wieder ach so dicke ZEIT politische Korrespondenzen schrieb, hatte ich gar nicht gemerkt. Am Ende jedenfalls schrieb ich ihr und fragte, ob sie sich vorstellen könne, eines Tages ihre von Leidenschaft unterfütterten profunden Kenntnisse der italienischen Fußballkultur samt der ihr erlegenen Landesbewohner – und das sind praktisch alle – in ein Buch zu gießen. Immerhin war in diesem Verlagsprogramm, die Fans werden es nicht vergessen haben, mit Detlev Claussens meisterhaftem Porträt des ungarisch-jüdischen Meistertrainers Béla Guttmann schon einmal ein Buch über den Fußball erschienen. Warum also nicht?

Für diejenigen, die es nicht wissen oder die mit Fußball nichts am Hut haben, sei hier noch einmal kurz daran erinnert, was daraus wurde: La Fidanzata. Juventus Turin und Italien ist viel mehr als nur ein beschwingtes Buch über das angeblich schönste Freizeitvergnügen am Beispiel des italienischen Dauer-Champions und der Regentschaft der Familie Agnelli. Wie aus Birgt Schönaus Artikeln kann man auch aus diesem Buch mehr erfahren über das zeitgenössische Italien und die politischen und kulturellen Kräfte, die es wohin auch immer treiben, als aus vielen fachspezifischen politischen Nabelschauen. Politische Anthropologie könnte man das nennen, wollte man den hohen intellektuellen Ton bemühen. Stattdessen ist es ein großer, kluger Spaß, geschrieben von einer Frau, die seit dreißig Jahren Wahlrömerin ist und einst, wie ihre Vorfahren, gewissermaßen als Beute-Germanin aus den Wäldern zwischen Rhein und Lippe in die Stadt der Wölfin kam.

Wer liest, was Birgit Schönau zum Beispiel auf ihrem unvergleichlich vielseitigen und informativen Italienblog über Rom, den italienischen Fußball und alles, was damit kulturell und politisch verbunden ist (es ist eine Menge!) schreibt, wird feststellen, dass als unüberhörbares Leitmotiv die Vergangenheit Roms, seine antiken, unübersehbar noch überall herumliegenden Hinterlassenschaften und seine vielleicht nicht immer unbedingt glorreich zu nennende, zumindest jedoch nicht so bald vergängliche Geschichte mit dabei sind. Immerhin ist der europäische Kontinent, in seiner heutigen Form, nichts anderes als ein Produkt Roms, und entsprechend hält man sich hier immer noch für den Nabel der Welt. Zur römischen Antike jedenfalls pflegt Birgit Schönau ein absolut leidenschaftliches Verhältnis.

Hier schiebe ich mal kurz eine Parenthese in eigener Sache dazwischen. Die Geschichte der Römer ist durch eine Verkettung von Umständen, die keine Rolle spielen, seit einer gefühlten Ewigkeit auch für mich eine bisweilen ausufernde Leidenschaft, von der ich ebenso wenig lassen mag oder kann wie vom Fußballverein meiner Heimatstadt. Noch jede Reise nach Rom war eine Reise in ein schon aus frühen Jahren gewohntes, immer wieder neu erwandertes und seltsam vertrautes Gelände. Klar, dass immer auch der Weg auf die Piazza vor dem Pantheon führt. Der in den Fries eingehauene Spruch, M.AGRIPPA.L.F.COS.TERTIUM.FECIT ist der einzige, den ich immer schon auswendig hersagen konnte, ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt: „Marcus Agrippa, Sohn des Lucius, hat’s gemacht, und zwar zur Zeit seines dritten Konsulats.“

Ich glaube nicht, dass Birgit über das Pantheon eines Tages nochmal ein ganz eigenes Buch schreiben wird. Sie hat ja schon eine empfehlenswerte „Gebrauchsanweisung für Rom“ geschrieben, 2016 bei Piper erschienen. Über Marcus Agrippa aber, den Erbauer des Pantheons, ist alles Nötige und Wissenswerte nachzulesen in ihrem kürzlich bei uns erschienenen, vorerst neuesten Buch: NEROS MÜTTER. Julia und die Agrippinas. Drei Frauenleben in Rom. Es ist das Ergebnis eines beiläufig bei einem Treffen vor Jahren geäußerte Nebensatzes, dem zufolge sie „irgendwann mal eigentlich gern was über die Agrippinas schreiben würde“. Den Vertrag dafür habe ich im gleichen Moment innerlich geschlossen. [Das Buch betrachte ich als eine Art persönliches Geschenk.]

Chronisten im Alten Rom waren in der Regel keine Feministen. Über Frauen haben sie überhaupt nichts geschrieben, und wenn es nötig wurde, weil sich einzelne Exemplare in die Politik einmischten, dann quittierten sie das mit unfreundlichen Worten, die bis in unsere Gegenwart getreulich zitiert, überliefert und nachgebetet wurden. Vergleicht man sie miteinander, die Herren Tacitus, Sueton, Dion Cassius, Seneca usw. usf., dann ist die Grenze zwischen Wahrheit, Erfindung und Propaganda sowieso kaum noch zu erkennen. Wie soll man angesichts dieser Quellenlage über die Lebensläufe dreier Frauen, die sich offensichtlich in der Zeit um Christi Geburt überaus intensiv in die politischen Belange der Männer einmischten, etwas Verlässliches herausfinden und aufschreiben?

Birgit Schönau hat zwischen den Zeilen gelesen, um die Lebensläufe von Neros drei eindrucksvollen Müttern zu rekonstruieren: Agrippina minor, die eigentliche Mutter, umgebracht von ihrem Sohn; Agrippina maior, die Großmutter, verbannt und verhungert auf Befehl ihres Stiefvaters Tiberius; und die ebenso hinreißende wie rätselhafte Urgroßmutter Julia, Frau des Pantheon-Erbauers Agrippa, Liebhaberin der Künste und der Literatur, eine ebenso freiheitsliebende wie – wenn man den altrömischen Kodex berücksichtigt – gehorsame Mutter von fünf Kindern und Tochter des Augustus, auf dessen Befehl sie ebenfalls verbannt wurde und verhungerte. Immer übrigens an den denkbar schönsten Stellen: auf der Insel Pantellaria, ehemals Ventotene, und in Reggio an der Stiefelspitze. Birgit Schönau hat, beschwingt vom spiritus loci Roms, der auch durch dieses Buch auf jeder Seite weht, die Quellen studiert, die Giftschleudern, Lügenbarone und Klatschbasen unter den Chronisten gegeneinander antreten lassen und aus dem Lärm dieser Auseinandersetzung ein Buch herausfiltriert, das den römischen Frauen überhaupt und natürlich den drei Protagonistinnen ein Stück historischer Gerechtigkeit widerfahren lässt, die es in dieser Entschiedenheit meines Wissens bisher nicht gab.

Und schließlich sind da ja nicht nur die schlecht gelaunten Historiker (Tacitus), die skandallüsternen Chronisten (Sueton) und Virtuosen der selbstgerechten politischen Propaganda wie der bis heute artig umschwänzelte Seneca. Ohne das Volk von Rom, den Circus, die Theater und die Legionen könnten auch Julia und die beiden Agrippinas nicht bis heute im rechten Licht gezeigt werden. Ein Übriges tun jede Menge Mord und Totschlag, vor allem in den höchsten Rängen der imperialen High Society. Aber es gab ja auch die Kunst, es gab die Architektur und es gab die Dichter. Ausführlich kommen sie hier zu Wort: Ovid, der für seine aufklärerisch dargebotene Liebeskunst ebenfalls in die Verbannung musste; Petronius, fabelhafter und wortreicher Chronist der neureichen Völlereien zu Neros Zeiten; Juvenal, der Frauenfeind und viele andere mehr. Vergil und Horaz verließen die augusteische Bühne ehe das schlimmste Hauen und Stechen begann, und blieben ungeschoren.

Apropos Horaz: Ungefähr zweitausend Jahre nach den Ereignissen um Neros Mütter antwortete Francesco Totti auf die Frage, was er als Römer vom Wahlspruch „Carpe diem“ hielte: „Ich kann kein Englisch.“

„Mihi omne tempus est ad meos libros vacuum, numquam enim sunt illi occupati“, steht irgendwo beim englischen Schriftsteller Cicero (und im Internet). Auch Birgit Schönaus Buch hat jede Zeit der Welt und wartet auf Sie!

Ihr
Heinrich von Berenberg