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Unsere Ibiza-Connection

Heute will ich aus gegebenem Anlass über Ibiza sprachen. Die Ferien- und Disco-Insel hat sich neulich für einen kostbaren Moment in das schwarze Loch der europäischen Rechtsradikalen verwandelt, als Herr Strache sich mit seinem Freund und einer rätselhaften russischen Oligarchen-Nichte in einer Ferien-Villa traf, um zu ergründen, wie man seine Wähler und die Österreicher noch etwas besser für dumm verkaufen kann, als dies die größte Tageszeitung des Landes, die „Kronenzeitung”, ohnehin Tag für Tag bewerkstelligt. (Die man übrigens in Deutschland, im Gegensatz zu den meisten europäischen Tageszeitungen gar nicht so leicht findet. Auch den „Standard“ und den „Falter” muss man suchen. Hier macht sich Österreich unnötig rar.)

Dass es auf Ibiza auch Ureinwohner gibt, mag man angesichts der Reputation der Insel und solcher Nachrichten kaum glauben. Es leben dort aber Menschen (wie in Venedig), die dort geboren wurden und niemals weggezogen sind. Auch nicht im Sommer. Einer von ihnen ist Vicente Valero, mit Sicherheit einer der bedeutendsten Autoren, die Spaniens Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Ich behaupte das nicht nur, weil seine Bücher in Peter Kultzens Übersetzung seit Jahren hier erscheinen. Es ist schlicht die Wahrheit.

Vicente Valero kommt von der Lyrik her, seit Jahrhunderten die besonders starke Seite der spanischen Literatur. Für seinen Gedichtband „Dias del Bosque”, der die Natur seiner Heimatinsel zum Gegenstand hat, ihre Vögel und ihre Wälder – beides gibt es dort tatsächlich immer noch – hat er den Premio Loewe erhalten. Seit einigen Jahren aber schreibt Vicente Prosa.

Vor Jahren, als ich, durch Peter Kultzen, auf diesen Autor aufmerksam wurde, kaufte und las ich auch seine 2008 im Berliner Parthas Verlag erschienene deutsche Übersetzung von Valeros Buch über die Aufenthalte Walter Benjamins auf Ibiza, 1932 und 1933. Was er dort wollte, ist unter heutigen Gesichtspunkten kaum vorstellbar: Er suchte Stille, Einsamkeit, und ihn interessierte die archaische Bevölkerungsstruktur der Insel, die Kultur ihrer alten, arabisch geprägten weißen steinernen Häuser, die man dort heute vergeblich suchen wird. Ich lobe gerne die Konkurrenz: Alle Benjamin-Freaks, und davon gibt es ja immer noch eine ganze Menge, sollten sich diese bedeutsame und hochinteressante biographische Episode anschauen.

Bei uns sind von Vicente Valero bisher zwei Bücher erschienen. Vor zwei Jahren der Prosaband „Die Fremden”: Erzählt werden vier Lebensläufe aus der Familiengeschichte des Autors, Menschen, die durch die historischen Umstände gezwungen waren, die Insel zu verlassen, und nie wiederkamen. Vicentes Großvater mütterlicherseits wurde in den zwanziger Jahren, unmittelbar nach seiner Hochzeit, als junger Luftwaffenoffizier auf einen einsamen nordafrikanischen Wüstenstützpunkt versetzt, erkrankte und starb. Der Großvater väterlicherseits, republikanischer Offizier im Spanischen Bürgerkrieg, musste nach 1939 bis zu seinem Tod im südfranzösischen Exil bleiben und durfte nie zurück zu seiner Familie auf Ibiza. Sein Enkel hat vor Jahren sein Grab in L’Isle sur Tarn gefunden, gekauft und besitzt nun mit dem Grab dieses Fremden, den er zu Lebzeiten nie gesehen hat, ein Stück Land in Südfrankreich. Ein schachspielender Onkel reiste als Assistent erst- und zweitklassiger Schachmeister durch die Welt, ehe er zu seinen fremd gewordenen Verwandten zurückkehrte und starb; ein weiterer Onkel verließ die Insel mit vierzehn, um sich einer Tanztruppe anzuschließen und sich, gemessen an der archaischen Moral seiner insulären Verwandten, den vielleicht skandalösesten Berufsweg auszusuchen. Auch er kehrte als von einer Aura umwehter Fremder zurück. Von ihm erbte die Familie das Haus, in dem Vicente dieses Buch schrieb.

All diese Lebensläufe sind ebenso berührende wie aussagekräftige literarische Gebilde. Geschrieben sind sie in einer für diesen Autor charakteristischen introspektiven Prosa, mit langen, proustianisch mäandernden Sätzen, freilich glasklar gegossen, wie aus dem Fernrohr eines interessierten Beobachters, der noch die intimsten Vorgänge mit einer in die Tiefe reichenden Leichtigkeit zu erklären und zu schildern vermag.

Zuletzt erschien in diesem Frühjahr ein kleiner Roman, „Übergänge”, in dem auf kaum 100 Seiten das große politische und kulturelle Kapitel der spanischen jüngeren Vergangenheit, der Übergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie, in Form einer Komödie verhandelt wird. Wieder stehen Valeros Familie und die seiner Freunde auf der Insel im Mittelpunkt. „Vicente Valero braucht nicht mehr als achtzig Seiten, um einen sprachlich, gedanklich und vom Aufbau her großartigen Roman vorzulegen”, schrieb Ralph Hammerthaler in der Süddeutschen Zeitung. Es lohnt sich, diese schöne und sehr informative Kritik hier zu lesen.

Neulich war der Autor in Berlin, und wir machten einen Ausflug nach Potsdam, zur Glienicker Brücke, zum Einstein-Turm, zu den Schlössern. Auf den Heimweg saßen wir im Regen auf der Veranda des Gasthauses Moorlake an der Havel und sprachen über Ibiza: Die Insel-Existenz ermöglicht Vicente Valero eine Haltung distanzierter Nähe zu den kulturellen und politischen Vorgänge des Kontinents Europa. Er verlässt Ibiza ebenso gern wie er wieder dorthin zurück kehrt. Man wird dies in seinem nächsten Buch, nachlesen können: „Schachnovellen”. Darin reist er, Schach spielend, durch Europa: auf den Spuren von Brecht in den dänischen Exilort Svendborg, wo dieser mit Benjamin Schach spielte; er läuft mit zwei schachspielendem Überbleibseln aus Italiens Roten Brigaden auf Nietzsches Spuren durch Turin und Genua; er reist zu einer Lesung nach Augsburg, wo ihn ein schachkundiger Zuhörer fragt, warum er keine Gedichte über den Holocaust schreibe, und übernachtet in München in jener Straße, wo 1916 Franz Kafka einer schockierten Zuhörerschaft seine Erzählung „In der Strafkolonie” vortrug. Zum Schluss begibt er sich, anlässlich eines Schachturniers in Zürich, auf die Spuren Rilkes nach Berg am Irchel, wo dieser versuchte, die Duineser Elegien zu vollenden, und nach Schloss Muzot, wo es ihm gelang. Danach fliegt er zurück – nach Ibiza.

Ich fragte Vicente, wen er auf Ibiza unterrichte. Viele seiner Schüler in der Abendschule, so erzählte er, seien Senegalesen, die Spanisch lernen, um auf Ibiza (oder Mallorca) als Buchhalter zu arbeiten. Sehr motivierte Menschen, von denen mehr als einer inzwischen für die Gehaltsabrechnungen einheimischer Firmen verantwortlich sei. Ob Ibiza schön sei? Ja, früher, im Winter, wenn Stille einkehrte. Auch damit sei es vorbei: Im Winter werde gebaut, was im Frühjahr für die Touristen fertig sein muss. Angeführt von niederländischen Immobilienkonzernen werde inzwischen auch das unter Naturschutz stehende Innere ins Visier genommen. Trotzdem lebe er dort gern.

Vor ein paar Jahren war Valero auf Lesereise in Manchester. Der Moderator verkündete, dies sei ein Autor aus Ibiza, eigentlich doch der Name einer Touristen-Einrichtung, die im Winter geschlossen und im Sommer geöffnet werde, kein Ort, wo Menschen geboren werden, aufwachsen und sterben. Ich werde irgendwann hinfahren, bevor es zu spät ist. Sie vielleicht auch. Zumindest aber lohnt es sich, die wahrhaft wundervollen Bücher von Vicente Valero zu lesen, einem Ureinwohner jener Insel, auf der Walter Benjamin einst Stille und Einsamkeit suchte – und fand.

Ihr
Heinrich von Berenberg
Maike Albath auf der Sachbuch-Bestenliste

Maike Albaths wunderbares drittes Italien-Buch bei uns, »Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens« wurde von der Jury der Sachbuch-Bestenliste von DLF Kultur, ZDF und Zeit im Mai gewählt. Gratulation an die Autorin!